Kategorie: Deutsch

Der hohe Flug und die Bruchlandung des Netzfeminismus

3 Jahre ist es jetzt her, dass ich 2009 in Hamburg für die AG Queer Studies einen Vortrag über den Netzfeminismus gehalten habe (PDF). Das Thema war damals noch jung, mensch hatte sich erst jüngst begonnen sich zu vernetzen und es herrschte eine gewisse Euphorie. Das Thema wurde begeistert aufgenommen und Kontakte und Freundschaften sind entstanden. Es war ja auch super: endlich gleich gesinnte feministische Nerds!

Heute im Jahr 2012 erlebt die einst so geeint erscheinende Strömung des Netzfeminismus eine herbe Bruchlandung: Blogs zerstreiten sich, die Printmedien greifen dies auf (inklusive grottenschlechter Recherche) und Häme und Spott aus den vermeintlich gleichen Reihen. Was ist da bloß passiert?

Eine Analogie dazu ist wohl die Geschichte des Christopher Street Days. Damals im Jahre 1969 begann alles mit einem Aufstand von Homosexuellen und anderen sexuellen Minderheiten in New York, die gegen Polizeigewalt demonstrierten. Damals war es noch keine Straßenparty, sondern eine tagelange Straßenschlacht. Der Umzug, den wir heute als CSD kennen, wurde seitdem als Erinnerung an dieses Ereignis abgehalten. Im Laufe der Zeit wurde der CSD immer größer und größer, wurde in anderen Städten und Ländern adaptiert und mutierte zum Flaggschiff der Freiheitskämpfe sexueller Minderheiten. Heute erinnert der CSD vielerorten bestenfalls an den Kölner Karneval, nur mit höherem Schwulen- und Lesbenanteil. Leider führte die gesellschaftliche Anschlussfähigkeit dieser Massen- und Partyveranstaltung auch zum Ausschluss anderer Minderheiten. So war es z.B. die Queer-Bewegung, die sich an so manchen Umzugsteilnehmer_innen und Slogans störte. In Köln gründete sich 2001 die Gruppe Queergestellt, um Kritik am Kölner CSD zu üben, und in Berlin gibt es schon seit zig Jahren den Transgenialen CSD. Diese Absplitterungen waren dringend nötig, um den eigenen Themen noch einen Platz zu geben.

Halten wir also in Bezug auf unser eigentliches Thema und in Bezug auf meine Folien von 2009 fest: Das ursprüngliche Ziel der netzfeministischen Strömung ist erreicht. Es gibt einen Platz in der Netzgemeinde für den Feminismus, d.h. es wird mehr auf Frauenquote auf Veranstaltungen geachtet oder Vorträge und Panels zu feministischen Themen werden organisiert. Der Netzfeminismus hat es sogar in die Printmedien geschafft. Durch die Beschäftigung mit Maskulisten und sonstigen antifeministischen Trollen wurde gelernt, mit negativen Reaktionen auf feministische Themen im Netz umzugehen. Sichtbarkeit und Relevanz dieser Themen sind unbestreitbar.

Leider werden aber nun bei soviel Anbiederung wiederum Leute ausgeschlossen, die mit ihren Themen nicht die Mehrheit ausmachen (hier ein Beispiel). Ist ja klar, das wäre nicht so öffentlichkeitswirksam und ist leicht klein zu reden. Außerdem müsste mensch zu viel erklären und das Thema interessiert vermeintlich eh „niemanden“ – wozu also der ganze Stress?

Und „was machen wir nun mit all dieser tollen Dynamik?“ Das ist die Frage, die ich mir gerade stelle (und sich schon andere vor mir gestellt haben). Oder um ehrlich zu sein stelle ich mir diese Frage eigentlich nicht, denn die Antwort ist mir schon seit ein bis zwei Jahren klar und war auch der Grund, weswegen ich irgendwann aufgehört habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen und mich aus der Szene etwas herausgezogen habe. Ich habe keine Lust auf eine große Szene, in der die Themen so breit getreten und entradikalisiert werden, damit sie für ja alle anschlussfähig sind. Im Gegenteil: Es wird langsam Zeit für die Absplitterung radikalerer Gegenströmungen, ganz im Sinne von „mach kaputt, was dich kaputt macht“ – wozu auf oberflächlicher Einigkeit beharren, wenn eine Schlammschlacht in den eigenen Reihen tobt? (Davon mal abgesehen, dass die Zersplitterung in immer kleinere Unterströmungen bei Linken schon immer schwer in Mode war – kleiner Scherz am Rande.) Vielleicht entgehen wir so der ganzen Aufregung und Langeweile und können uns wieder auf das Wesentliche konzentrieren – was auch immer das für Euch jeweils sein mag.

Kindle Touch 3G

Frisch eingetroffen aus den USA: mein neuer Kindle Touch 3G, als Ersatz für den betagten Kindle 3G 2.Gen, der mich als Powernutzer_in 2 Jahre lang treu begleitet hat. Seit dem Launch der 4. Kindle-Generation gibt es hier in Deutschland einen eigenen, lokalisierten Kindle, so dass der Importzwang eines amerikanischen Modells wegfällt. Ich nenne die deutsche Version liebevoll „Knöpfchen-Kindle“, hatte ihn aber bisher noch nicht in der Hand. Wen diese abgespeckte Version stört, kann hierzulande wohl auch noch die Kindle-Keyboard-Modelle bestellen. In den Staaten kann mensch zusätzlich den Kindle Touch, den Kindle DX mit dem großen Bildschirm und den neuen Kindle Fire (ein Tablet und kein e-Ink-Reader) kaufen, wahlweise mit WiFi oder WiFi/3G. Ich selber wollte aus Gründen lieber wieder ein amerikanisches Modell haben.

Ich bin schon länger ein großer Fan von eBook-Readern und da ich meine Seele bereits früh an Amazon verkauft hatte, habe ich mich nicht so richtig nach Alternativen umgeschaut (die Totgeburt txtr hat mich damals auch allzusehr frustriert). Amazon hat nach wie vor den besten internationalen Store und ein wirklich ausgereiftes All-In-One-Produkt. Der Unterschied zwischen Kindle 2. Generation und Kindle 3. Generation war mir zu gering, also beschloss ich, auf die 4. Generation zu warten. Als dann die 4. Generation endlich rauskam, war ich ein wenig enttäuscht: es gibt jetzt eine Billigversion nur mit Knöpfen, der Kindle 3. Generation hieß jetzt Kindle Keyboard und ob die Touch-Funktion beim Kindle Touch es wirklich wett macht? Auch an dem Display hatte sich nicht wirklich viel verbessert. Ich beschloss mir trotzdem was zu gönnen und bestellte sofort nach der Ankündigung einen Kindle Touch mit 3G vor.

Was erst nach und nach rauskam, war, dass Amazon anscheinend die Hardware beim Touch preislich sehr knapp kalkuliert hat und deswegen das Surfen über 3G im Browser auf Wikipedia und den Kindle-Store beschränkt, um Roaming-Gebühren zu sparen. Das ist ziemlich doof für Vielreisende, die den Kindle 3G zwischendurch als Notfallmailclient benutzen. Mit dem Kindle Keyboard kann nach wie vor unbeschränkt gesurft werden. Ich habe nie über den Kindle gesurft, aber es ist trotzdem ärgerlich, nachträglich in den Funktionen beschnitten zu werden. Immerhin hat Amazon dafür die Roaming-Gebühren beim Kauf von amerikanischen Büchern im Ausland (mit amerikanischem Account) abgeschafft.

Der Kindle Touch erhält im Amazon-Shop nur mittelgute bis gute Bewertungen, weil viele Benutzer_innen anscheinend mit der Touch-Funktion nicht ganz zufrieden sind. Zugegeben, die Touch-Funktion ist manchmal ein wenig buggy. Es ist eben „nur“ ein resistiver und kein kapazitiver Touchscreen. Manchmal blättere ich ausversehen um, wenn ich mich im Bett umlege. Manchmal reagiert das Display auch nach mehrmaligem Drücken nicht. Ziemlich sicher mache ich mir aber bei Vielbenutzung viele Flatschen aufs Display. Immerhin ist die Bildschirmauflösung im Vergleich zum Kindle 2.Gen wesentlich brillianter und kontrastreicher. Ich hatte mir mehr von der aktuellen E-Ink-Entwicklung erhofft, aber anscheinend brauchen erschwingliche farbige Displays noch eine Weile (sofern sie denn jemals kommen).
Sehr optimal ist die Ausnutzung des Bildschirms. Beim Lesen eines Buches sehe ich nur den Text eines Buches und keine Bedienelemente. Da der Kindle Touch selber nur eine sehr dezente Home- und sonst keine Tasten hat, kommt das Leseerlebnis schon sehr dem Minimalismus eines Buches nahe. Toll finde ich auch die Hülle mit dem eingebauten Licht, welches direkt aus dem Kindle-Akku gespeist wird. Nie wieder nachts die schlafende Freundin aufwecken, einfach den Kindle aufklappen und ein paar Seiten lesen.
Die Lederhülle ist außen leider ein wenig rutschig, kann aber durch das geschickte Platzieren aller Finger gut gehalten werden. Das Gewicht ist mit ca. 220 Gramm im Vergleich zu den ca. 290 Gramm des Kindle 3G 2.Gen gefühlt gleich geblieben. Vermutlich kann so ein Akku einfach nicht leichter werden. Apropos Akku: der Touchscreen verbraucht schon mehr Akkuleistung als die Bedienung mit Knöpfen.

Fazit: Für meinen Anwendungsfall ist der Kindle Touch absolut ausreichend und ein schönes Gadget. Mein Anwendungsfall = steckdosennah, reiseunlustig, gadgetfreudig. Insgesamt mag ich meinen neuen Kindle Touch sehr.

Tipps für den Kindle:

  • Mit Calibre als Buchmanagementsoftware ist der Kindle auch für Amazon-Shop-externe Bücher so bequem zu handhaben wie ein iPod mit iTunes. Mit Calibre können alle eBooks sofort per Drag&Drop hinzugefügt, ins Kindle-Format konvertiert und auf den Kindle übertragen werden. Toll!
  • Mit Instapaper können lesenswerte Webseiten / Blogartikel / Zeitungsartikel … aus dem Netz gespeichert und täglich oder wöchentlich als Zusammenfassung an den Kindle geschickt werden.

UPDATES:

  • Ja, der Kindle Touch ist wirklich langsam beim Umblättern (siehe auch hier). Ich selber empfehle eh Textbücher oder Bücher auf LCD-Bildschirmen fürs Schnelldurchblättern, da sich dort einfacher ein Überblick herstellen lässt. Stört mich persönlich nicht so, ist maximal ärgerlich.
  • Bei mir funktioniert das englische Dictionary beim Lesen von Nicht-Kindle-Büchern nicht, was sehr ärgerlich ist. Der Kindle kann dann anscheinend die Sprache des Buches nicht erkennen und findet das passende Dictionary nicht. Habe aber noch nicht wirklich im Netz nach Lösungen gesucht.
  • Tatsächlich würde ich allen Leuten mittlerweile den Knöpfchen-Kindle empfehlen, vor allen Dingen eBook-Reader-Neulingen. Ein solides, einfaches, günstiges Gerät, welches für die meisten Anwendungsfälle absolut reicht.